Winter is here.

Winter is here.

Weißt du noch, dieser eine Winter, wie wir den Schnee genossen haben und stundenlang draußen in der Kälte herumtollten, mit roten Nasen und vor Kälte und Freue glühenden Wangen? Wie wir uns kreischend mit Schneebällen bewarfen und uns dann lachend im Schnee kugelten, die glücklichsten Wintermenschen der Welt? Weißt du noch? Nein? Ich auch nicht.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, ist alles weiß. „Neeeee!“ sagt das Kind und zeigt nach draußen und lacht. „Ja, Schnee!“ sage ich und lache mit, aber innendrin denke ich ebenfalls „Neeeeee….!“ und seufze tief. Und in meinem Kopf, in meinen Tagträumen, da verwandelt sich das karge Weiß ganz schnell in blühendes Grün, in blauen Himmel, Sonne und 25 Grad im Schatten. Hach, wie schön wäre das. Wie beißend die Kälte ist, wenn man sowieso immer friert. Wie lang der Winter ist, wenn man noch nie ein Winterkind war. Immer etwa doppelt so lang wie der Sommer, den man dann doch nie ausgiebig genug genossen, die Wärme immer unangemessen wenig wertgeschätzt hat. So sehr ich ihn auch liebe: Jedes Mal, wenn der Sommer sich langsam verabschiedet, wenn die Hitze nachlässt, bin ich doch wieder erleichtert. Endlich wieder Longsleeve tragen! Endlich wieder eine Strickjacke übers Blümchenkleid anziehen! Und verkenne den Moment, der den Winter ankündigt, der aus dem Longsleeve einen Strickpullover, aus dem Blümchenkleid eine Thermostrumpfhose macht. Dieser Moment, der nicht sein müsste.

Ach, Sommer, ich vermisse dich, komm zurück.

Draußen am Bahnsteig stehen die Menschen und ziehen sich die Mützen tief ins Gesicht, die Mimik restlos eingefroren, jegliche Interaktion auf ein Minimum beschränkt. In der S-Bahn dann viel Schweigen und ein grobschlächtiger Mann mit dem Handy am Ohr, der der Person am anderen Ende der Leitung von den Gepflogenheiten beim Arbeitsamt erzählt. „Ich kann ja eigentlich alles machen“, sagt er, „im Baumarkt.“ Er räuspert sich. „Egal welche Ware, ich kann alles vom LKW in die Regale räumen.“ Und ich beobachte, wie die umsitzenden Menschen sich Blicke zuwerfen, ein bisschen amüsiert, und denke, dass das ja nun eigentlich wirklich nichts ist, was jeder von sich behaupten kann, mich eingeschlossen. Ich könnte sagen: „Von den Dingen, die man im Baumarkt so findet, kann ich nichts vom LKW wuchten und in Regale packen, vor allem nicht, wenn sie höher als 1,80 Meter sind.“ Keine guten Aussichten für einen Job im Baumarkt, schätze ich. Aber dieser Tage bin ich ja froh um jede Jobmöglichkeit, die sich nicht interessant für mich anhört.

Ich steige aus der S-Bahn und der Mann am Telefon bleibt sitzen. Beim Aussteigen höre ich, wie er etwas über „die da in ihren Büros“ sagt, etwas nicht sehr nettes, und möglicherweise hat er recht damit. Ohne ihn bliebe jegliche Ware immer auf dem LKW.

Draußen mache ich schnell den Mantel zu und ziehe mir die Mütze ins Gesicht, und haste dann an den Menschen vorbei, die es heute wohl alle nicht so eilig haben, aber die wollen vielleicht auch nicht ihr Kind aus der Krippe abholen. Ich liebe es ja, dieses Gefühl auf dem Weg zum Abholen, ein bisschen wie vor einem Date, mit jemandem, mit dem die letzten Dates auch schon richtig gut gelaufen sind.

Und dann laufen wir zusammen los, oder eigentlich nur ich, du sitzt im Wagen und mampfst die obligatorische Banane, und ich denke, dass ich so ewig weitermachen könnte, noch fünf Jahre oder zehn, aber bis dahin bist du groß, fast erwachsen schon, und möglicherweise wird es dann keine Jubelschreie mehr hervorrufen, wenn ich dich irgendwo abhole und eine Banane aus der Tasche ziehe. Wie schade das ist, dass die Zeit es immer so eilig hat. Und wie gut andererseits, weil das bedeutet, dass schon im nächsten Augenblick wieder Sommer sein wird. Und darauf warten wir nun wirklich mehr als sehnsüchtig.



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